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Dr. Wunderer- bei Döllerer entdecken -
Döllerer Weinhaus

Dr. Wunderer


Zwischen Urmeer und Urgestein entstehen die Weine von Dr. Wunderer. Die Weingärten rund um Straning und Röschitz liegen am südlichen Ausläufer des Böhmischen Massivs und sind geprägt von Granit, Gneis und kalkhaltigem Löss.

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Zwischen Urmeer und Urgestein entstehen die Weine von Dr. Wunderer. Die Weingärten rund um Straning und Röschitz liegen am südlichen Ausläufer des Böhmischen Massivs und sind geprägt von Granit, Gneis und kalkhaltigem Löss. Nachhaltig und biologisch bewirtschaftet, von kühlen Nächten beeinflusst, bewahren die Weingärten Frische und Präzision. Die Weine werden spontan mit natürlichen Hefen vergoren und behutsam ausgebaut. Auf glättende Eingriffe wird bewusst verzichtet. So entstehen charakterstarke Weine mit Herkunft, Spannung und unverfälschtem Ausdruck.

Interview mit Dr. Wunderer

Weingut Dr. Wunderer Bild 3

1. Ihr produziert im nördlichsten, kühlsten Teil des Weinviertels. Ist diese Frische und „nordische“ Straffheit die Antwort auf die immer wärmeren Weinstile des restlichen Österreichs?

Dr. Gerald Wunderer: Ja – aber weniger als Gegenentwurf, sondern als natürliche Stärke unseres Ortes. Unsere Weingärten liegen im nördlichen Weinviertel, bereits stark vom Waldviertel beeinflusst. Kühle Nächte, frische Winde und mineralische Böden geben den Weinen Spannung, Klarheit und Präzision.

In Zeiten klimatischer Veränderung wird genau das immer wertvoller. Für uns ist diese Straffheit kein Stilmittel, sondern Herkunft – und vielleicht tatsächlich ein Blick in die Zukunft österreichischen Weins.

2. Braucht es den Blick von außen und das bewusste Verlassen von Konventionen, um das Potenzial einer Region neu zu definieren?

Dr. G. W.: Der Blick von außen hilft, weil er nicht zuerst fragt, wie etwas immer gemacht wurde, sondern was ein Ort erzählen kann. Wir kommen nicht aus einer klassischen Winzerdynastie und konnten dadurch unvoreingenommen auf diese Region schauen.

Unser Ziel ist nicht, das Weinviertel neu zu erfinden, sondern sein Potenzial freizulegen: kühle Herkunft, mineralische Spannung, Präzision. Dafür muss man manche Konventionen hinterfragen – aber nicht die Herkunft.

3. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem burgenländischen Triumvirat Velich, Schuster und Tschida, und was bedeutet dieser Austausch für die Identität im Weinviertel?

Dr. G. W.: Der Kontakt entstand bei einer privaten Einladung, bei der ein Wein von Roland Velich und einer unserer Weine nebeneinander verkostet wurden. Roland erkannte sofort, dass hier – an der Küstenlinie des ehemaligen Urmeeres – ein außergewöhnliches Terroir liegt, das nur darauf wartet, geborgen zu werden.

Aus diesem Moment entstand ein Austausch mit Roland Velich, Hannes Schuster und Christian Tschida. Ihre Erfahrung hilft uns, klarer zu formulieren, wofür unsere Weine stehen. Nicht als burgenländische Handschrift im Weinviertel, sondern als präziserer Blick auf unsere eigene Herkunft.

4. Im Burgenland wurde „Reimagine“ als Revolution ausgerufen. Wie viel „Revolution“ verträgt das traditionelle Weinviertel, und wie viel davon steckt in euren Weinen?

Dr. G. W.: Das Weinviertel braucht keine laute Revolution, aber einen wachen Blick. Für uns bedeutet „Reimagine“: Herkunft neu befragen, nicht Tradition verwerfen. Wofür steht unser Wein? Wie prägt der Ort seinen Charakter? Welche Entscheidungen machen ihn authentisch?

In unseren Weinen steckt diese Revolution leise, aber konsequent: biologisch, nachhaltig zertifiziert, vegan, handwerklich und mit möglichst wenig korrigierendem Eingriff. Wir wollen keine Mode bedienen, sondern zeigen, was dieser kühle Teil des Weinviertels kann.

5. Ist ein Wein, der der Vielfalt gewidmet ist, ein politisches Statement oder die logische Konsequenz eines modernen Lebensentwurfs?

Dr. G. W.: Für uns ist Pride zuerst gelebte Haltung. Der Wein hat auch mit der Tatsache zu tun, dass Matthias und ich ein Paar sind. Aber Pride bedeutet für uns mehr als sexuelle Orientierung: Jeder Mensch darf stolz darauf sein, wie er ist – nicht nur im Pride Month, sondern das ganze Jahr.

Vielfalt ist für uns Alltag: in der Natur, im Weingut und in den Menschen, die uns begleiten. Deshalb ist dieser Wein nicht plakativ politisch, sondern Ausdruck unseres Lebens. Wenn er Haltung zeigt, dann weil Echtheit und Offenheit sichtbar sein dürfen.

6. Hilft der Blick aus der Psychologie und Medizin dabei, Weine mit einer anderen emotionalen Tiefe zu verstehen?

Dr. G. W.: Ich glaube ja. Ich bin Allgemeinmediziner und Facharzt für Psychiatrie – und zugleich Winzer. In Medizin und Psychiatrie lernt man, Zusammenhänge zu sehen: Balance, Entwicklung, Brüche, verborgene Ursachen und das Zusammenspiel von Körper, Psyche und Umfeld. Dieser Blick prägt auch mein Verständnis von Wein.

Wein ist für mich ein lebendiges, natürlich entstandenes Produkt. Er wird nicht geschmacklich korrigiert oder geglättet, sondern soll zeigen, wie er aus Trauben, Herkunft, Zeit und natürlichen Prozessen entstanden ist. Gleichzeitig enthält Wein Alkohol – und der sollte nie verharmlost werden.

Bewusst und maßvoll genossen, in guter Gesellschaft, zu einem guten Essen und in einem stimmigen Moment, kann Wein Teil eines besonderen Erlebnisses sein. Aus psychiatrischer Sicht liegt der positive Aspekt weniger im Alkohol selbst, sondern im psychosozialen Rahmen: Gemeinschaft, Gespräch, Kulinarik, Stimmung, Atmosphäre. Wenn Wein diesen Moment begleitet und nicht dominiert, entsteht jene emotionale Tiefe, die mich interessiert.

7. Was sucht ein Sommelier im eigenen Wein, das ein klassischer Winzer vielleicht übersieht?

Dr. G. W.: Durch unsere gastronomische Vergangenheit denken wir Wein immer auch vom Tisch aus. Matthias und ich kommen beide aus der Gastronomie; Matthias hat außerdem Weinmanagement in Krems studiert.

Ein Wein muss für uns nicht nur korrekt oder beeindruckend sein. Er soll Spannung haben, zum Essen passen, Freude machen und Lust auf den nächsten Schluck wecken. Vielleicht sucht man mit gastronomischem Blick weniger das Spektakel – und mehr den richtigen Moment.

8. Was unterscheidet Charakter im Wein von bloßer Stilistik?

Dr. G. W.: Stilistik kann man erzeugen. Charakter muss man zulassen. Er entsteht, wenn ein Wein nicht in eine vorgefertigte Form gebracht wird, sondern seine Herkunft und Eigenheiten zeigen darf.

Für uns bedeutet das: natürliche Hefen, Spontanvergärung, behutsame Kellerarbeit. Ein charaktervoller Wein darf Kanten haben, solange sie aus dem Ort, dem Jahrgang und dem lebendigen Prozess kommen.

9. Ist kompromisslose Trinkfreude am Ende wertvoller als die Jagd nach hoher Komplexität und Bewertungspunkten?

Dr. G. W.: Für uns ja. Trinkfreude und Komplexität schließen einander nicht aus – im Gegenteil. Die spannendsten Weine sind oft jene, die Tiefe haben und trotzdem selbstverständlich wirken.

Punkte können erfreulich sein, aber sie sind kein Ziel. Entscheidend ist, ob ein Wein Energie hat, Herkunft zeigt und gerne getrunken wird. Die schönste Auszeichnung ist eine leere Flasche am Tisch.

10. Wenn man eure Weine in 10 Jahren blind verkostet, was soll man schmecken: Das Weinviertel, eure persönliche Geschichte oder die Handschrift eurer burgenländischen Freunde?

Dr. G. W.: Im Idealfall zuerst das Weinviertel. Man soll die Kühle, das Urgestein, den Löss, die ehemaligen Meeressandablagerungen und diese mineralische Straffheit schmecken. Unsere persönliche Geschichte darf darunter spürbar sein: der Traum einer Familie, unsere Liebe zur Gastronomie, der medizinische Blick auf lebendige Systeme und unser Wunsch, ein nachhaltiges, offenes Weinprojekt zu schaffen.

Die Handschrift unserer burgenländischen Freunde soll nicht im Vordergrund stehen. Sie ist eher ein Resonanzraum, der uns geholfen hat, unsere eigene Herkunft klarer zu sehen. Wenn man die Weine in zehn Jahren blind verkostet, wäre das schönste Ergebnis: Man schmeckt, dass hier ein eigenständiger Ort mit Haltung und Zukunft spricht.